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Inhalt
Russisch
Russisch im derzeitigen Kurssystem
Spielend Russisch lernen
Schüleraustausch St. Petersburg
Reisetagebuch 2009
Erfahrungsbericht 1
Erfahrungsbericht 2
Erfahrungsbericht 3

Erfahrungsbericht I St.Petersburg

Nach Sankt Petersburg fährst du? In den Ostblock?! So oder ähnlich verwundert haben viele von meinen Verwandten und Freunden reagiert, als ich ihnen von meiner bevorstehenden Fahrt nach Sankt Petersburg erzählte. Ihr Unverständnis rührt wahrscheinlich daher, daß jetzt, wo die Grenzen offen sind, es die meisten doch eher an warme Südseestrände zieht, oder über den Ozean, wo die glä nzende Fassade Amerikas lockt. Und trotzdem, sagte ich mir, einmal möchte ich zumindest auch ein Stück des östlichen Europas gesehen haben.

Und so sah ich diesem Sankt Petersburg Austausch gespannt entgegen und fragte mich, was für eine Welt mich wohl dort erwarten würde. Im Juni war es dann endlich so weit! Auf dem Sankt Petersburger Flughafen wurden wir von den russischen Schülern schon erwartet. Meine Austauschpartnern begrü ßte mich herzlich mit ein paar Blumen, wir wechselten die ersten Worte und gingen gemeinsam zum Reisebus, der uns alle ins Stadtzentrum fahren sollte. Als durch das Fenster die Stadt an mir vorüberziehen sah, muß ich ehrlich zugeben, daß ich schon ein wenig erschrocken war.

Sicherlich hatte ich schon einiges darüber gehört, daß aufgrund von Geldmangel alte Häuser nicht renoviert werden konnten, aber daß Sankt Petersburg in so einem schlechten Zustand ist, das hätte ich nicht gedacht. Das sollte nun das berühmte Venedig des Nordens sein, eine der schönsten Städte der Welt!


Wir kamen die schönen Photographien des Zarenpalastes und einiger anderer Sehenswürdigkeiten, die in meinem Russischbuch abgebildet waren, in den Sinn. Nein, da draußen erinnerte nichts an solche Pracht und solchen Reichtum. Nach cirka einer dreiviertel Stunde kamen wir dann in der Wohnsiedlung, die für die folgenden zwei Wochen mein Zuhause sein würde. Graue Betonklötze ragten hier steil in den Himmel. Doch hinter diesen trostlosen Mauern wurde ich aufs herzlichste von meiner Gastmutter willkommenen geheißen. Sie zeigte mir die kleine Wohnung und dann setzten wir uns gemeinsam hin und aßen Abendbrot. Sie hatte sich soviel Mühe mit dem Essen gegeben und tafelte wahre Berge von allerlei Köstlichkeiten auf. Nach dem Abendbrot trafen wir uns mit einigen Freundinnen meiner Austauschpartnerin und bummelten über den Newski. Es war ein wirklich schöner erster Tag in Sankt Petersburg und die folgenden Tage sollten nicht anders werden. Unsere Gastgeber hatten sich wirklich viel Mühe mit der Programmgestaltung gegeben. Langeweile kam nie auf.

Tagsüber machten wir Ausflüge zu den großen Touristenattraktionen, unter anderem zum Peterhof, in die Eremitage, zur Peter-Pauls-Festung und vielen mehr. Dort wurde mir auch klar, warum die Reiseführer Sankt Petersburg so hochpreisen. Die Schlösser,Kirchen und Kathedralen stellten wirklich alle Bauwerke in den Schatten, die ich bis jetzt bewundert hatte.

Selbst abends machten wir noch oft noch Untemehmungen, gingen ins Ballett, in den Zirkus und machten eine Nachtfahrt durch die weißen Nächte. Irgendwann, gegen Ende meines Aufenthalts, fiel mir auf, daß ich mich an den Anblick der alten, oft ziemlich heruntergekommenen Häuser gewöhnt hatte, daß ich das Klappern der Busse und Bahnen während der Fahrt nicht mehr hörte, daß es mich auch nicht mehr störte, mit einem gerammelt vollen Bus zu fahren, sondern, daß ich mich sogar freute, wenn ich noch mit reinpaßte, ganz gleich ob ich auf der letzten Stufe stand, eingequetscht zwischen Bustür und Menschenmasse.

Ich will damit sagen, daß man sich an alles gewöhnen kann, auch daran, daß man in Sankt Petersburg auf Komfort, der bei uns so alltäglich ist, verzichten muß, das die Stadt, die schon so schwere Zeiten in der Geschichte durchgemacht hat, eben nicht so modern und strahlend aussieht, wie andere Großstädte.

Eine der Hauptantworten, die ich bekam, wenn ich andere fragt, warum sie nicht nach Sankt Petersburg wollen, war die folgende: Dort ist doch alles so alt, dreckig und zerfallen. Was soll ich da? Denjenigen kann ich nur sagen, daß Sankt Petersburg wesentlich mehr als das zu bieten hat. Und all die schönen Erlebnisse, die man auf den Ausflügen mit der Gruppe hat oder in der Gastfamilie, lassen einen über so manche Schattenseite hinwegsehen. Andere Touristen, die nach Sankt Petersburg kommen, sehen oft nur die berühmten Sehenswürdigkeiten der Stadt, aber wir konnten einen Teil des Lebens dort miterleben. Und das ist wohl das Größte an solch einem Schüleraustausch.