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Erfahrungsbericht II St.Petersburg
Als das erste Mal in der Schule von Sankt Petersburg die Rede war, ging es in das eine Ohr herein und zum anderen wieder heraus. Ja gut, ich lernte die russische Sprache schon seit zwei Jahren und fremde Kulturen interessierten mich schon seit meiner Kindheit. Aber nach Russland fahren? Nein, das war mir nichts.
Ich wäre völlig allein auf mich gestellt umgeben von fremden Menschen. Und so wanderte das Anmeldeforrnular in den Mülleimer. Als ich dann abends ganz nebenbei von diesem Schulprojekt erzählte, sollte sich meine Meinung schnell ändern. Mein Vater brach sofort in Beisterungsstürme aus und schwärmte den ganzen Abend von den Weiten des Landes, der Freundlichkeit der Menschen und den enormen kulturellen Schätzen dort. Und das weckte mein Interesse. So besorgte ich mir am nächsten Tag mehrere Bücher über das Land und die Stadt Sankt Petersburg und informierte mich genauer.Am nächsten Tag kramte ich das Anmeldeformular wieder aus dem Papierkorb und begann, es erwartungsvoll auszufüllen...
Und dann kam der Tag immer näher und die Zeit bis zum dritten Juni verging im Fluge. Als ich dann im Flugzeug saß, kamen die Zweifel doch wieder auf. Standen nicht immer wieder Berichte über Russland in der Zeitung, in denen die Rede von Armut, Dreck, Kriminalität und niedrigstem Lebensstandards die Rede war? Und so stieg ich mit völlig geteilter Meinung aus dem Flugzeug aus. Als ich dann mit dem Bus zu meinen Gasteltern fuhr, schaute ich mir die Stadt genau an. Dort sah ich viele zerfallene und kaputte Häuser und doch hatte jedes einzelne seinen Charakter erhalten und die Straßen hatten ein sehr angenehmes Flair. Dann fuhren wir über den Newski und plötzlich erinnerte ich mich wieder an die Lehrbuchfotos, und ich stellte fest, daß die Straße genauso wie auf den Bildern aussah. Dann stiegen wir aus und gingen durch eine Vorortsiedlung und da kamen sie wieder die Bilder von Armut, Dreck und unhygienischen Zuständen. Als wir dann die Wohnung über zwei Hinterhöfe betraten, sah ich genau das Gegenteil meiner ersten Eindrücke: Eine einfache, aber ordentliche und saubere Wohnung fand ich hier vor. Also konnte ich dieses Vorurteil streichen, denn die Leute lebten zwar schlicht aber sehr gemütlich. Nachdem ich mich bei der ganzen Familie vorgestellt hatte, stellte ich meine Koffer in mein eigenes(!) Zimmer und merkte kurz darauf, was mein Vater mit der Gastfreundschaft der Russen meinte: obwohl die Eltern nur Russisch sprachen, versuchten sie trotzdem alles über den Flug, mein Wohlbefinden und meine Familie zu erfahren. Und obwohl ich nur sehr wenig verstand, und noch weniger antworten konnte, entstand ganz schnell ein Gespräch über Gott und die Welt.
Nach dieser anstrengenden Diskussion gab es dann auch sofort etwas zu Essen. Essen wird bei den Russen jedoch ganz anders definiert als bei uns: In Russland ist ein Essen eine Kunst und da kann es auch schon mal passieren, daß das Essen gut zwei Stunden dauert. Ein traditionelles Essen in Russland sieht wie folgt aus: man beginnt,mit der Vorsuppe, dazu Salat, dann folgt das Hauptgericht, dazu Salat, dann folgt ein Salat, dann gibt es ein Dessert, und zum Schluß folgt dann ein Tee, der im Samowar zubereitet wurde. Und da sich der Tisch bei jedem Gang biegt, kann man bestimmt verstehen, warum man so lange ißt. Obwohl der erste Tag mehr anstrengend als zum Entspannen war, genoß ich ihn in vollen Zügen.
In den darauffolgenden Tagen lernte ich Sankt Petersburg von seiner besten Seite kennen und schätzen, denn trotz aller finanziellen und gesellschaftlichen Probleme ist die Bevölkerung, wenn man sich als freundlicher Tourist verhält, zuvorkommend und zu jedem offen. Und so ist es kaum verwunderlich, daß man inmitten vom Menschenstrom auf der Hauptverkehrsstraße in der Berufszeit mit einem völlig unbekannten Menschen einen Plausch hält. Aber nicht nur die Petersburger selbst, sondern auch die Stadt ist mit ihren Sehenswürdigkeiten eine echte Ausnahme. In einigen Jahren, wenn in Sankt Petersburg wieder vieles restauriert ist, wird die Stadt bestimmt ein kulturelles und architektonisches Zentrum Europas. In keiner anderen Stadt habe ich mich so sicher gefühlt wie in Sankt Petersburg. Denn der sehr hohen Kriminalitätsrate steht eine sehr große Menge an Polizisten gegenüber. Und somit ist Sankt Petersburg nicht gefährlicher als jede andere Großstadt auch.
Als ich dann wieder den Heimflug antrat, erinnerte ich mich wieder meiner ersten Bedenken. Ich kam zu dem Entschluß, daß viele Menschen in Deutschland Opfer der Medien sind und die Einfachheit und Offenheit mit Armut und niedrigem Lebensstandard verwechseln. Ich hatte das Glück, die Menschen in Russland richtig kennenzulernen und meine falsche Meinung zu korrigieren. Ich kann auch nur jedem empfehlen, sich die Situation vor Ort anzuschauen und die Schönheit Russlands schätzen zu lernen.
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