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Erfahrungsbericht III St.Petersburg
Wenn mich jetzt im Nachhinein jemand fragen würde, wie ich die Stadt Sankt Petersburg finde, müßte ich ehrlich antworten: ziemlich häßlich. Glücklicherweise habe ich das während meines Aufenthaltes dort überhaupt nicht so empfunden. Ich habe die Zeit mit lauter netten Leuten verbracht- und das hatte einen unheimlich positiven Einfluß darauf, wie ich das Bild der Stadt aufgenommen habe. Ich hatte mich für diesen zweiwöchigen Schüleraustausch mit Sankt Petersburg breitschlagen lassen, weil ich erstens am Lebensstil der Russen interessiert war, ich zweitens sehen wollte, ob Sankt Petersburg mit meinen Erinnerungen an Kiew 1987 (da war ich sieben) vergleichbar ist und ich drittens nicht die einmalige Chance verpassen wollte, einmal nach Russland zu kommen.
Allerdings machte ich mich auf das Schlimmste gefaßt. Schließlich war ich mit meinen neunzehn Jahren die Greisin unter den Austauschschülern und hatte außer mit Laura, die ich flüchtig kannte, noch mit keinem der Beteiligten Kontakt gehabt. Manche kannte ich noch nicht einmal vom Sehen... Die Russen sollten alle fünfzehn und sechzehn Jahre alt sein- schwieriges Alter könnte man meinen.
Ich ließ mich aber positiv überraschen. Es stellte sich für mich heraus, daß zwar der Altersunterschied nicht zu verkennen war, daß man aber zwei Wochen lang allerhand problemlos aushalten kann. Ich hatte eine echt schöne Zeit- sowohl mit den deutschen Austauschis als auch mit den russischen. Wobei mir natürlich meine Gastschwestern besonders ans Herz gewachsen sind. (Ich war zusammen mit Jule in einer Familie mit Zwillingsschwestern, deshalb Gastschwestern.) Was die Gastfamilien alles für uns getan haben, war einfach kaum zu fassen. Obwohl unsere Gastfamilie für russische Verhältnisse (oder Sankt-Petersburgische Verhältnisse) recht wohlhabend zu sein scheinen, leben sie in einem für uns doch eher ärmlichen Stil- und doch hatte die Gastfreundschaft keine Grenzen:
Wir wurden mit Essen nur so vollgestopft, wurden oft herumchauffiert und durften weder beim Abwaschen noch beim Tischdecken helfen. Mit dem Kommunizieren
zwischen den Eltern und uns war es ohne unsere Gastschwestern als Dolmetscher nicht ganz einfach. Meine paar Brocken Russisch, die ich in einem halben Jahr AG gelernt hatte, reichten dafür lange nicht aus, sorgten allenfalls für Gelächter. (Die haben sich aber echt gefreut, wenn man versucht hat, etwas auf Russisch zu sagen!) Daher war die Stimmung nie ganz entspannt und immer etwas verkrampft. Das war aber nicht weiter schlimm.Teilweise war es auch total lustig, wenn man sich mit Händen und Füßen durchwurschteln mußte- auf jeden Fall eine Erfahrung wert!
Um auf das anfangs erwähnte Stadtbild zurückzukommen muß ich vom allerersten Tag erzählen: Wir wurden von unseren Gastfamilien vom Flughafen abgeholt und wurden mit dem Auto einmal quer durch die Stadt "nach Hause" gefahren. Bei einer Luftfeuchtigkeit von über 800 % und prallender Sonne herrschten Temperaturen von ca. 35 °C. Aufjeder vierten Kreuzung (ca.) stand ein alter Lada mit offener Motorhaube und die zugehörigen Fahrer standen mit freien Oberkörpern entweder gelangweilt am Auto oder hingen leicht frustriert über ihren Lieblingen und schütteten ihr Trinkwasser in den Kühlwasserbehälter. Ich fand das total witzig, weit es für alle so normal zu sein schien.
Im Übrigen sind Gas und Hupe das einzige, was im Auto so richtig gut funktionieren muß, um dem Sankt-Petersburger Fahrstil gerecht zu werden. Etwas aufregender wurden die Fahrten noch gestaltet durch das ständige Hin- und Herreißen des Lenkrades um den riesigen Schlaglöchern auszuweichen, die selbst auf den größten Hauptstraßen hübsch gleichmäßig verteilt sind.
Die Straßenbahngleise wurden soweit ich weiß in den 1930ern gebaut und wie es aussieht, wurde seitdem nicht allzuviel daran gemacht - sie sehen wirklich etwas beängstigend aus. Dann sind da noch Bordsteine, die teilweise einen halben Meter hoch sind na und die Häuserfassaden (fast ausschließlich "Neu"bauten) sind in einem jämmerlichen Zustand- alles in netten grau-in-braun-Tönen... Der penetrante Gestank in den Hausfluren; völlig überfüllte Busse; ein O-Bus, der liegenbleibt; Menschen, die ihren Müll einfach fallen lassen... all das wurde von unseren russischen Teenies kommentiert mit einem Abwinken und einem grinsendem "wie iimmerrr" oder "hiier iimmerrr so". Ich mußte da immer drüber lachen, doch jetzt im Nachhinein finde ich das alles doch eher ganz schön traurig.
Eine andere Sache hat mich schon während des Aufenthaltes sehr betroffen gemacht: sehr sehr viele bitterarme Menschen. Und das schlimmste für mich - viele sehr alte Menschen unter ihnen! Einige versuchen eine Handvoll selbstgeernteter Erdbeeren zu verkaufen oder ein vergammeltes Stiefmütterchen - das geht einem so unter die Haut, daß man fast anfangen könnte zu heulen. Wir haben während der zwei Wochen so viele Schlösser, Klöster, Kathedralen und Kirchen gesehen, daß einem ganz schlecht wird, wenn man an den vielen Prunk und Reichtum denkt, der sich einem hinter diesen Türen eröffnet. Natürlich stammt dieser Reichtum von lange lange her, aber es erscheint soo paradox. Im Endeffekt kann ich nur sagen: gut, daß ich nicht als Tourist dort war!
Ich konnte trotz vieler erschütternder Bilder eine durchaus positive Bilanz aus diesem Austausch für mich ziehen.
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